Hinter der Wand (überarbeitet)

 

Es ist eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann …

(Ingeborg Bachmann, Malina)

 

 

Donnerstag, 3.9.

Es ist nicht genau festzustellen, woher es kommt; ich weiss nur: es ist in der alten Mauer, die uns vom Nachbarhaus trennt und zugleich mit ihm verbindet. Kommt es aus dem dritten, aus dem vierten Stock, oder wird es über unergründliche Kanäle hinaufgeleitet von der ersten Etage oder vom Parterre? Da ist ein leises Kratzen, so wie wenn jemand auf der anderen Seite mit einem Griffel rhythmisch über den rauen Putz fährt; bald scheint es eher ein feines Scharren, Schaben oder Krabbeln, dann ein gedämpftes Klopfen. Es wandert in der Wand hin und her, manchmal ist es zum Greifen nah, dann wieder so fern und schwach, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich höre oder mir nur einbilde. Ich schlage in den Wörterbüchern nach: scharren, schnarren, schaben, schürfen, ritzen, raspeln, quarren, rasseln, prasseln, klöppeln; aber ich fürchte, es ist ein Geräusch, dem man mit den bekannten Vokabeln nicht beikommt. Dann besinne ich mich auf meine Mutter, die sich die Wörter einfach erfand, wenn sie keine passenden fand – und das geschah beinahe in jedem Satz – und notiere in mein Heft: chrismeln, chrageln, streuseln, chröseln, scharrklöppeln, kloppscharren. Ich unterstreiche scharrklöppeln. Aber es hat die falsche Farbe. Ich nehme alle Wörter zurück.

Es ist beruhigend, an einer schützenden Brandmauer zu wohnen, sofern man ihr Innenleben kennt. Mir sind – bis auf dieses neue Geräusch – nicht nur die meisten Laute in der Wand vertraut, ich kenne auch die dazu gehörenden Geschichten. Da ist die hustende Witwe María im dritten Stock. Immer um 8.30 morgens stellt sie das Geschirr in den Chromstahltrog – direkt hinter meinem Schreibtisch – und beginnt zu spülen. Es rumpelt, scheppert, klirrt, das Abwasserrohr bullert heimelig, und wenn sie eine schwere Pfanne in den Trog plumpsen lässt, rieselt der Mörtel in der Mauer. Nach dem Abwasch beginnt sie zu husten, stellt ihre Krücken auf den Fliesenboden und humpelt keuchend ins Wohnzimmer. Die dumpfen Schläge der Stockeinsätze entfernen sich. Der Fernseher geht an: Plauderprogramme, Serien. Ab ca. 12.30 ist sie wieder direkt hinter der Wand, hüstelt und hantiert in der Küche. Um 14.00 rumpelt es wieder gemütlich im Spültrog, dann das Aufschlagen der Krücken auf den Steinfliesen, Husten, der Fernseher geht an. Dasselbe wiederholt sich abends. Um 21.30 scheppert’s, um 22.00 ist Ruh im dritten Stock. Gegen 23.00 leichtes Vibrieren, die Witwe schnarcht. Auch ihr Bett, in dem sie vor 79 Jahren geboren wurde, liegt an der Brandmauer, denn dort fühlt man sich sicher, dort fühlt man sich wohl. 1939, in einer der schlimmsten Bombennächte kurz vor dem Ende der Republik, stand die Elfjährige mit Vater, Mutter und dem kleinen Manuel im Schlafzimmer, eng an die Mauer gepresst unter dem hölzernen Kruzifix, es donnert, es pfeift, durch die geborstenen Fenster dringt das Flackern der Feuersbrunst, überall beissender Rauch, dann schlägt es ein im Lichthof, rundherum stürzt alles ein, aber die Brandmauer, sie steht sicher und fest und hält die Balken in der Verankerung, die angrenzenden Zimmer und das Treppenhaus bleiben unversehrt und das hölzerne Kruzifix hängt leicht schief über Marías Kopf.

Jeden Morgen um 9.00 beginnt irgendwo das Klavier. Tonleitern rasen bedroh­lich durch die Mauer. Dur, Moll, Halbtonleitern, Ganztonleitern, chromatisch versetzt schrauben sie sich in schwindelnde Höhen, fallen in brummende Tiefen und steigen wieder hinauf in den beruhigenden Ausgangston; Terzen und Sextimen lösen sich aus der Wand, wirbeln durch die Luft, flattern zurück und rollen grollend aus im Mauerwerk. Es folgen ein paar Takte einer Bach-Fuge; sie bricht ab, beginnt wieder von vorn, und das Klavier arbeitet sich Schritt für Schritt durch die Partitur bis zum erlösenden Schlussakkord in D-Moll. Um 10.50 brechen die Tonwirbel jäh ab und der Klavierdeckel schlägt zu. Der Maestro hat sein Morgentraining hinter sich, die Finger laufen wie geschmiert und er glaubt wieder an seinen baldigen Durchbruch. Um 11.00 beginnen die Klavierstunden. Jede volle Stunde wird eingeläutet mit Tonleitern, schnell, dann langsam mit Aussetzern – Lehrer, Schüler - dann Chopin-Etüden, Bach-Präludien, der Anfang einer Fuge, langsam, rasche Wiederholung, schleppendes Echo – Schüler, Lehrer, Schüler – dann Abbruch, der Maestro schlägt den Klavierdeckel zu.

In den Klavierpausen zwischen 9.15 und 9.30 hört man das Abwasserrohr rauschen, und meistens setzt gleichzeitig eine schneidende Tenorstimme ein: Qui presso a lei io rinascer mi sento, e dal soffio d'amor rigenerato … Das ist Alfredo, so nenne ich ihn nach seiner Lieblingsrolle in La Traviata, er singt, duscht, das Wasser in den Rohren gurgelt vergnügt, Vivere io voglio a te fedel. Dell' universo immemore io vivo quasi in ciel, … io vivo quasi in ciel …  Nach dem morgendlichen Duschsingen gönnt Alfredo uns Nachbarn eine kurze Pause. Dann schlägt eine Tür, er springt wie ein Jüngling die Treppe hinunter – ich hör’s durch das Fenster zum Lichthof – runter zum Briefkasten, und dort sucht er nach der ersehnten Nachricht, denn Alfredo hat vor Jahren eine Oper geschrieben und schickt seine Partitur jahraus, jahrein in die Welt, an Musikverlage, Wettbewerbe und Ausschreibungen. Aber meistens findet er im Briefkasten nur ein paar Werbebriefe für Waschmaschinen oder für den Pizza-Hausservice, und nur selten eine Antwort auf seine Hoffnung: Alfredo überfliegt den Text, bis er das entscheidende Wort findet: leider. Wir danken für die Zusendung Ihrer Partitur und haben sie mit Interesse geprüft. LeiderSie waren so freundlich, uns Ihre Partitur anzuvertrauen, leider … Wir haben uns mit grossem Interesse mit Ihrer Partitur befasst, müssen Ihnen aber leider … dann steigt Alfredo als alter Mann die Treppe hoch, und man hört eine Stunde lang nichts mehr von ihm. Gegen 11.00 geht es dann wieder los: Alfredo rennt mit seiner Stimme wutschnaubend Tonleitern hinauf, hinunter. Das dauert etwa zwanzig Minuten. Dann trippelt es wieder im Treppenhaus und Alfredo entschwindet aus meinem Hörfeld. Am Nachmittag sehe ich ihn manchmal in der Metro-Station bei der Oper. Dort wird er Orpheus. Er schreit Arien und Rezitative gegen die gekachelten Wände, die hier in der Unterwelt so wunderschön mitschreien und zurückrufen, dass es eine Lust ist, Cortese Eco, cortese Eco amorosa, che sconsolata sei, und wenn ein Zug einfährt oder abfährt, steigert er sich und schleudert ihm eine besonders virtuose Tirade entgegen, In così grave mia fiera sventura non ho pianto però tanto che basti, sein heller Tenor mischt sich in das Quietschen der Bremsen, in das Surren der sich beschleunigenden Elektromotoren, das Schlagen der Räder, und in diesem Moment fühlt er, Alfredo, Orpheus, wie seine Seele aufgeht im Tosen und Brausen der Welt.

Auch aus der Dachwohnung dringen ab und zu Geräusche zu mir herunter. Ungefähr alle halben Stunden rauscht’s oder blubbert’s kurz im Abwasserrohr, das mein Badezimmer mit Alfredos Dusche und der darüber liegenden Küche verbindet. Dort oben wohnt ein österreichischer Schriftsteller um die 50. Er kam vor etwa drei Jahren, mietete die Dachkammer und liess sich nieder an seinem Schreibtisch. Auf der Strasse oder im Café habe ich ihn nie gesehen, aber manchmal treffe ich ihn im Treppenhaus, immer mit einem dicken Umschlag unterm Arm. Er nickt, sagt Servus, drückt sich rasch an mir vorbei und verzieht sich wieder aufs Dach. Einmal habe ich mich vor meiner Tür breit gemacht und ihn  zur Rede gestellt: Hallo, wie geht’s, wie läuft’s mit der Schreiberei? Er blieb verdutzt stehen, warf seinen grauen Pferdeschwanz hinter den Rücken, strich sich über den Bart und räusperte sich, so als habe er schon lange keinen Laut mehr aus seiner Kehle gepresst. –Was, bitteschön, Schreiberei? Ich schreibereie nicht, ich schreibe literarische Texte. –Okay, sagte ich, wie steht’s also mit den literarischen Texten? – Fünf Theaterstücke habe er geschrieben, Hunderte von Gedichten, auch einen Erzählband, aber alles bleibe in der Schublade, er werfe seine Perlen nicht vor die Säue, der ganze deutschsprachige Literaturbetrieb, die ganze Literaturszene sei eine fette, heruntergekommene Hure und er scheue sie wie der Teufel das Weihwasser, nein, der Vergleich sei nicht aus der Luft gegriffen, als Schriftsteller müsse man sich fernhalten vom Weihwasser und von den Huren, nur vom Teufel dürfe man sich reiten lassen, und da sei er genau richtig hier in diesem Land und da oben auf dem Dach, freilich – , er räusperte sich und versuchte ein Grinsen  – nur da, mittendrin und gleichzeitig über dem Getose der Grossstadt, finde er die notwendige Abgeschiedenheit für die dämonische Inspiration usw. Meinen ostentativen Blick auf den Umschlag, den er unter seinem Arm hielt und in dem ich eine Manuskriptsendung an einen Verlag vermutete, ignorierte er. Woran er denn jetzt schreibe? Er suche einen neuen Stil, die kakophonische Synthese. Das Hauptwerk, an dem er seit acht Jahren arbeite, bestehe aus Hunderten von Mikrogeschichten, die er zu einer kakophonischen Sinfonie in Sonatensatzform zusammenfügen wolle; aber eben das kakophonische Zusammenfügen sei die Schwierigkeit, und seit Jahren sei er mit nichts anderem beschäftigt als eben mit dieser kakophonischen Synthese, die die einzelnen Bestandteile in einem höheren diabolisch-kosmischen Ganzen verbinden solle ohne zu vereinigen, ohne die Widersprüche aufzuheben, ohne zu harmonisieren eben … Den Rest seiner wortreichen Rede habe ich nicht verstanden und mich eiligst mit irgendeinem Vorwand verabschiedet. Ich bin froh, dass der Österreicher seither zum lakonischen Servus zurückgekehrt ist, und auch seine kakophonischen Spülgeräusche stören mich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: sie schenken mir eine Art akustische Geborgenheit und erinnern mich daran, dass ich nicht ganz allein bin an der Wand.

 

Freitag, 4.9.

Das fremde Geräusch irritiert mich, es stört mich in meiner Nestwärme. Ich lege das Ohr an die Wand. Es ist kein homogener Laut und er wird wahrscheinlich von mehr als einem Menschen verursacht. Menschen? Vielleicht sind es ja Mäuse oder Ratten oder eine eingeschlossene Katze. Es kommt und geht ohne erkennbare Regelmäßigkeit. Ich kann mir das neue Geräusch ins Gedächtnis rufen, aber ich kann es keiner verständlichen Handlung zuordnen. Es bleibt ein Geräusch ohne verlässliche Geschichte.  

Ein Schlag. Die Wand zittert, der Mörtel rieselt. Das war die Tür der Nachbarn unten im dritten Stock. Es kracht. Ein Fuss tritt an die Holztür. Hija de puta, que te mato! War’s Joan, der Sohn, der Autos und Motorräder knackt, war’s Jordi, der Ehemann, der unten in der Bar sein Arbeitslosengeld versäuft, oder waren’s beide zugleich? Schreie sind so schwer zu unterscheiden wie Fusstritte an die Tür. Durchs Treppenhaus hallen wütende Schritte. Dann schlägt unten die Haustür. Leichtes Nachbeben unter meinen Füssen. Nun ist es ruhig in der Wohnung unter mir. Zu ruhig. Eine Ruhe, die zu winseln beginnt, zu schluchzen, zu weinen, zu heulen, crescendiert und dann losschiesst wie ein Maschinengewehr: Malditos gilipollas, sinvergüenzas, hijos de puta, malcriados, gandulos, subnormales, basura, no puedo más  … Das ist Pepa bei ihrem Solo, zu dem sie nur ansetzt, wenn man sie alleine lässt. Wieder Schläge an die Tür. Pepa behämmert jetzt mit blossen Fäusten und Pantoffeln dieselbe Tür, auf die vorher ihr Mann und ihr Sohn eingehauen haben, bevor sie aus der Wohnung gestürmt sind. Endlich werden die Schläge schwächer, das Gebrüll lässt nach, Pepa ist erschöpft.

Ich gehe nach unten und sehe nach. Es ist still in der Wohnung. Die Tür von Jordi und Pepa hat wegen der vielen Schläge einen Riss im Holz, durch den nachts ein gelber Lichtstrahl schimmert. Ich drücke das Auge an die breiteste Stelle des Spalts und kann Pepas Hackenschuhe, die Turnschuhe ihres Sohnes und die Pantoffeln ihres Mannes auf dem schwarz-weiss karierten Muster der Bodenfliesen sehen. – Me cago en la puta! schreit plötzlich eine Stimme aus der Wohnung. Ich schrecke auf und drücke mich neben der Tür an die Wand. Me cago en la puta! Das ist Rocco, Pepas Papagei, der einzige im Haus, dem die Schimpferei immer Spass macht. Ich gucke wieder durch den Spalt. In der Türschwelle zum Wohnzimmer liegt ein schwarzes Haarbündel. Pepas Haar? Eine auf den Boden geworfene Perücke? Unten im Treppenhaus knarrt die Haustür und fällt in die Angeln, Schritte hallen. Ich blicke hinunter in den Treppenschacht. Eine behaarte Hand windet sich über den Handlauf geschwind das Geländer hinauf. Asthmatisches Keuchen. Ich steige lautlos nach oben und verdrücke mich in meine Wohnung.

 

Sonntag, 6. 9.

Sonntagsruhe. Ausser dem periodischen Wasserröhren-Rauschen war’s den ganzen Morgen ruhig in der Mauer. Es ist anzunehmen, dass die meisten Hausbewohner das schöne Wetter genutzt haben und ausgeflogen sind. Wenn ich das Ohr an die kalte Wand drücke, nur ein ödes Sausen. Sssssssssss. Ich nehme das Ohr von der Wand. Es saust weiter. Mein eigenes Ohrensausen? Nächste Woche muss ich zum Ohrenarzt.

Nach dem Mittagessen, als ich mich zur Siesta hinlege wie alle, die noch im Haus sind, schläft auch die Wand. Sie schnarcht. Sie gurrt. Sie seufzt. Gegen 17.00 beginnt sie zu stöhnen: ah, oh, zweistimmig sich überlagernd, dann versetzt, Frage, Antwort, rhythmisches Keuchen, abschwellend, anschwellend, te quiero, te quiero – und endlich zwei erlösende Schreie unisono. – Eeh, eeh, doppelt Rocco nach,  Me cago en la puta! Niemand im Haus weiss genau, wo die beiden es treiben: im vorderen Nachbarhaus, im hinteren? Man hört sie immer nur am Sonntagnachmittag. Vielleicht steigen sie in einer Wohnung ab, die ihnen Bekannte freundlicherweise für die Sonntagsfreude zur Verfügung stellen.

Am frühen Abend hämmert ein harter Drumbeat durch die Wand. Das ist die Studenten-WG im 4. Stock. Eine rhythmische Basslinie steigt ein, ein Synthesizer jault bissige Klangfetzen, dann beginnt eine Stimme im Reguetón-Rhythmus: Aunque madrugue, ni Dios me ayuda, quiero gritar y salir de mi sombra, en mi pozo solo el eco me nombra … und Rocco scheint sich an diesem beseelten Sonntagnachmittag besonders zu erfreuen: Eeh, eeh, me cago en la puta!

 

Montag, 7.9.

Heute Morgen hat mich Pepa im Treppenhaus gefragt, ob ich das seltsame Geräusch in der Mauer bei mir oben auch höre. – Es klingt ganz sonderbar, als ob jemand mit einem Nagel ständig am Verputz kratzt. Manchmal scheint es eher zu schlagen oder zu rasseln.  – Ganz genau, rief Olga vom 1. Stock, die eben die Treppe heraufgeschnauft kam, Schlagen und Rasseln, wie mit einer Kette. Wenn da nur nicht … stellt euch vor – und sie wedelte mit einer Zeitung und deutete auf einen Artikel mit der Überschrift: Entführter Bankdirektor immer noch nicht gefunden. Untertitel: Erste Hinweise deuten auf ETA. – Im Café Ferran haben sie ihm die Pistole an die Schläfe, babbelte Olga aufgeregt, am helllichten Tag, auf die Strasse gezerrt, und hier in der Altstadt sollen sie ihn, hier haben sie ihn versteckt, denn weit können die ja nicht, sagt die Polizei. Hier steht’s! Olga fuchtelte wild mit der Zeitung herum, so dass man keinen Buchstaben lesen konnte. – Wenn die nur nicht … immer wenn ich dieses Geräusch von da drüben – aber Olga beendete auch diesen Satz nicht – Stellt euch vor: Rasseln, Kettenrasseln … vielleicht sollten wir die Polizei – Me cago en la puta, rief Roco aus Pepas offener Wohnungstür. – Halt den Schnabel! schrie Pepa und zog die Tür von aussen zu. – Polizei? Auf gar keinen Fall, die Polizei kommt mir nicht ins Haus. Die werden dich gleich festnehmen, weil sie dich für verrückt halten.

Und ich stelle mir vor: Auf der anderen Seite der Bankdirektor, in massgeschneidertem Anzug und Krawatte, Rücken zur Wand, die aufgescheuerten Handgelenke hinter dem Rücken mit einer dicken Kette zusammengebunden, die Kette mit einer Ringschraube an unserer Brandmauer befestigt, die uns 30 cm dick voreinander schützt, und bei jeder Bewegung rasselt die Kette, schabt am Verputz, bei jeder seiner Zuckungen und Windungen schlägt sie an die Wand und zerrt an der Ringschraube, und die Brandmauer leitet das unsichtbare Drama weiter in unsere Wohnzimmer, und wir schlürfen seelenruhig unseren Tee.

 

Dienstag 8.9.

Auf der Suche nach der Quelle des Geräuschs schiebe ich den Kleiderschrank im Schlafzimmer von der Wand. Dahinter entdecke ich einen Riss. Er läuft wie eine mit zittriger Hand gezogene Linie von der Decke über die kalkweiße Wand. Im Zickzack tastet er sich durch das Mauerwerk nach unten, weitet sich unterhalb der Mitte zu einer dunklen Spalte mit blätterndem Putz und verzweigt sich schließlich in feine Äderchen. Ich stoße einen Schraubenzieher hinein. Es rieselt.

 

Mittwoch, 9.9.

Rufe den Hausverwalter an. Der lacht, als ich ihm vom Riss in der Wand und von den merkwürdigen Geräuschen berichte. – Schon mal was gehört von Termiten? Die ganze Stadt ist verseucht, das Zentrum ist geradezu unterwandert von diesen Viechern, die wühlen sich von Haus zu Haus, bohren sich in die alten Holzbalken und Türrahmen, zu Tausenden fressen sie sich ihren Weg durch Gips und Gemäuer, und wenn sie nagen, kann man sie hören, wenn man das Ohr an die Balken hält.

Ich schlage nach in einem Lexikon: Viele Arten haben eine weisse oder weissgelbliche Körperfarbe. In der Regel werden Termiten zwischen 2 und 20 mm lang. Sie dringen scharenweise in die menschlichen Wohnungen ein und zerstören namentlich Holzwerk, indem sie dasselbe im Innern völlig zerfressen, die äußere Oberfläche aber verschonen, so dass scheinbar unversehrte Gegenstände bei geringer Erschütterung zusammenbrechen

Ich traue mich heute nicht, das Ohr an die Wand zu halten.

 

Donnerstag, 10.9.

Ich kann nicht glauben, dass das Geräusch nur von Termiten verursacht wird. Vielleicht mischt das Raspeln und Nagen der Termiten mit im akustischen Sammelsurium; aber da muss noch etwas anderes in oder hinter der Wand sein, auch Pepa hat mir das heute bestätigt: Ein leises Winseln zieht sich wie ein dünner Faden durch das Geräuschband; deutlich zu hören, wenn man das Ohr in der Küche flach an die gekachelte Wand drückt. Vielleicht doch ein eingesperrter Hund oder eine Katze – oder ein Kind?

Manchmal stelle ich mir vor, dass auf der anderen Seite ein Anderer sitzt, einer, der wie ich die Wand abhört, mein Leben abhorcht und mich zum Narren hält. Wände haben Ohren.

 

Freitag, 11.9.

Pepa hat gestern mit einer Freundin aus dem Nachbarhaus gesprochen. Es seien illegale Rumänen, und zwar Zigeuner. Sie wohnen auf meiner Höhe, im dritten Stock. Ob es sich um eine oder mehrere Familien handelt, kann man bei diesen Leuten natürlich nie mit Sicherheit sagen. Im Treppenhaus wimmelt es geradezu von Zigeunern, sie kochen im Wohnzimmer auf offenem Feuer, das ganze Treppenhaus stinkt nach abgestandenem Rauch und gebratenem Fisch, auch Kindergeschrei hat man aus der Wohnung gehört, aber die Kinder dürfen die Wohnung nicht verlassen, sie sind den ganzen Tag allein und eingesperrt, und die Erwachsenen lungern auf der Strasse herum und gehen dunklen Geschäften nach. Die Kinder bekritzeln und bekratzen die Wand mit Fingernägeln und Schraubenziehern und sonstigen Gegenständen, die ihnen gerade in die Hände fallen, die gehen ja nicht in die Schule und haben keine Schreibtafel, daher die Geräusche in der Wand.

Olga aus dem ersten Stock meint, es seien keine Rumänen. Sie beruft sich auf die Friseurin im Erdgeschoss, die behauptet, drüben hausen Neger, Schwarzafrikaner, schwarz wie die Nacht. Sie sieht sie, wenn sie ins Nachbarhaus treten. Immigranten. Sie sind wie die meisten dieser armen Kreaturen mit einem Schlauchboot übers Meer gekommen, gehören sicher zu jenen Familien, über die letzthin im Fernsehen berichtet wurde: Motorschaden, das Boot trieb tagelang auf offener See, acht Erwachsene und fünf Babys verdursteten, aber sie konnten nur die toten Babys ins Meer werfen, die Körper der Erwachsenen waren zu schwer um sie über die Bordwand zu hieven, so lagen sie übereinander, als man sie fand, die Lebenden über den Halbtoten und die Halbtoten über den Toten, und bei der Rettungsaktion bei stürmischer See ertranken drei weitere, die können ja nicht schwimmen, die armen Schweine. Die Frauen prostituieren sich jetzt und die Männer arbeiten als Zuhälter.

Der Riss hat sich zu einem dunklen Spalt verbreitert, der die Wand in zwei leicht gegeneinander verschobene Flächen teilt. An der breitesten Stelle kann ich den Finger hineinstecken. Ein Hohlraum. Ich drücke das Auge in den Spalt. Nichts. Nur undurchdringliches Dunkel.

 

Samstag, 12.9.

Ein Nachbar aus dem Haus nebenan hat mir im Café erzählt, es seien dunkle Leute, aber keine Neger, sondern Araber oder Pakistaner mit Bärten, Mohammedaner eben. Es sei ein Kommen und Gehen. Er nimmt an, die betreiben hier eine illegale Moschee. Einige kommen sogar mit ihrem eigenen Gebetsteppich. Sie haben alle Geschwüre und zum Teil offene Wunden an der Stirn, weil sie beim Beten mit den Köpfen auf den Boden schlagen. Dann betonte er noch einmal: Pakistaner, Araber, Mohammedaner – und nach einer Pause: Stell dir vor, die drehen hier ein Ding … wär’ ja nicht das erste Mal, dass die was aushecken, und keiner ahnt was, nein, der Staat zahlt ihnen auch noch die Sozialwohnungen und subventioniert ihre Moscheen. So blöd können ja nur die Sozialisten sein.

Ich gehe zum Nachbarhaus und schaue mir die Schilder unter den Klingeln an. Es gibt drei Wohnungen im dritten Stock. Ich läute zuerst bei 3, 1. Rauschen. Dann knackt die Gegensprechanlage.

Si! Husten. Das ist die Witwe. Ich schweige, dann läute ich bei 3, 2.

Si, quien? Ruft eine Kinderstimme.

Ich möchte zu den Immigranten, rufe ich in die Anlage. Keine Antwort.

Wo wohnen die Immigranten?

Die Chinesen im Parterre, oder die Philippiner im zweiten Stock?

Rumänen oder Schwarze gibt es hier keine?

Nein, aber Pakistaner oder so was, die wohnen im Dritten.

Welche Wohnung?

Ich glaube, dritte Tür.

Ich läute bei 3, 3. Knacken in der Gegensprech­anlage, Rauschen, Stille. Ich läute noch einmal.

Omar? sagt eine Frauenstimme. Omar?

Der Türöffner surrt, ich drücke die Haustür auf und betrete den düsteren Flur. Es riecht nach Seifenlauge. Kein Fischgestank. Ich taste nach dem Lichtschalter und mache das Licht an. An der Wand sind die blechernen Briefkästen angebracht. Einige sind offen, ihre Schlösser sind aufgebrochen. In einer zittrigen Schrift steht auf einem Kästchen, das mit einer Schicht von Etiketten überklebt ist: Omar Al-Sharar, darunter ein schnörkliger Schriftzug, den ich nicht lesen kann.

Ich gehe nach Hause, schalte den Computer ein und suche im Online-Telefonbuch nach Omar Al-Sharar. Auf dem Bildschirm erscheint eine Telefon­nummer. Ich wähle die Nummer und lasse es lange läuten. Schritte hinter der Wand. Ich hänge auf. Jetzt ganz deutlich Gemurmel und Geklopfe. Muslimische Gebete? Das könnten natürlich auch die Selbstgespräche der Witwe sein, aber ich bringe das Bild nicht mehr aus dem Kopf: das rhythmische Heben und Senken Richtung Mekka, das Aufschlagen der Köpfe auf dem Boden, Allah ist gross, Allah ist mächtig, Allah ist mit den Standhaften.

 

Sonntag, 13. 9.

Die Nachbarn sind daheim geblieben wegen dem schlechten Wetter und die Wand ist übersättigt mit Geräuschen. An einen ungestörten Mittagsschlaf ist nicht zu denken. Die Witwe rumpelt mit dem Geschirr im Chromstahltrog, synkopisch dazu der Reguetón aus der Studenten-WG, Aunque madrugue, ni Dios me ayuda, quiero gritar y salir de mi sombra, en mi pozo solo el eco me nombra, es rauscht und gurgelt im Wasserrohr, der Schriftsteller auf dem Dach spült seine kakophonischen Notizen ins Klo, Alfredo duscht und singt vergnügt Qui presso a lei io rinascer mi sento, e dal soffio d'amor rigenerato …, auch der Pianist ist zu Hause geblieben und wirbelt Tonleitern durch die Wand, Dur, Moll, chromatisch rauf und runter, rhythmisches Keuchen, ah, oh, te quiero, que te quiero, rostige Ketten reiben sich an wunden Handgelenken, blutige Kinderhände schürfen am Verputz, dunkelhäutige Mohammedaner schlagen ihre Köpfe an der Mauer wund, Allah ist gross, Allah ist mächtig, es murmelt, stöhnt, singt, rauscht, gurgelt, klopft, knarrt, winselt, schnarrt und schnarcht – Plötzlich öffnet sich der Riss in der Wand – das grausige Auge des Anderen starrt mich an, Tausende weisser Termiten krabbeln aus den Gängen, umkrabbeln mich, ziehen mich hinein in die Mauer, ich kribble mit meinen Artgenossen, wir bohren uns mit unseren Mandibeln den Weg durch die Wand, durch Gipsplatten, morschen Mörtel, faule Holzbalken, Schlitze, Rohre, elektrische Leitungen, wir wühlen, fressen, bohren, kriechen, nagen, bahnen uns den Weg hinüber, hinüber - Me cago en la puta, eine Tür schlägt. Das Bett zittert, die Wand erbebt.

In der Nacht ist es still in der Mauer. Man hört nur das Gekrabbel der Termiten. Wir arbeiten am liebsten nachts.

 

 

 

 

 

Schneeweiss

 

Der schwarze Abdul trommelt wieder. Direkt unter unserer Wohnung. Bong-bong bam, bong-baga bam, und das stundenlang. Je später der Abend, desto eindringlicher sein Trommelschlag. Die Gasse bebt, die Fenster zittern. Gruppen scharen sich um ihn, erschreckte Köpfe zeigen sich in Fenstern. An einen gemütlichen Fernsehabend ist nicht zu denken. Einmal warf ich wütend eine Handvoll Münze aus dem Fenster und hoffte, dass er endlich nun verschwinde. Das Gegenteil geschah: Er bedankte sich mit einem Trommelwirbel, der die Tauben von den Dächern riss.

Eines Tages traf ich Abdul weinend vor der Haustür. Die Polizei habe ihm verboten, hier zu trommeln und habe seine Djembe konfisziert. Ich gab ihm 20 Euro, damit er sein Instrument einlösen könne.

Abdul strahlt und zeigt schneeweisse Zähne.

Am nächsten Tag stand Abdul wieder vor der Tür. Man habe ihn aus dem Zimmer geworfen, er könne die Miete nicht bezahlen. Man kann ja nicht so sein, man kann doch nicht, denn Abdul muss sonst auf der Strasse schlafen. Ich überliess Abdul unser Sofa, für ein, zwei Tage, sagte ich meiner Frau, ein zwei Tage gehen schnell vorbei.

Zwei Wochen später sass Abdul immer noch mit seiner Djembe auf unserem Sofa und trommelte: Bong-bong bam, bong-baga bam. Wie werden wir den wieder los? Meine Frau und ich wussten weder aus noch ein. So sprachen wir mit ihm. Und Abdul beteuerte, nächste Woche sicher, übernächste Woche ganz bestimmt eine andere Unterkunft zu suchen. Und Arbeit, eine richtige Arbeit habe er auch in Aussicht, das sei so gut wie versprochen.

Und Abdul leuchtet weiss mit seinen Zähnen.

Drei Wochen später sass Abdul immer noch auf unserem Sofa, strahlte den ganzen Tag und spielte auf seiner Djembe. Bong-bong bam, bong-baga bam.

Abdul, so kann das nicht weitergehen, Abdul, so kann das nicht.

Abdul weint aus grossen, weissen Augen.

Am nächsten Tag schon strahlte Abdul wieder und spielte seine neue Komposition, die sei ganz für uns, ganz für uns. Auf alle Arten versuchte ich ihn loszuwerden: sagte ihm, die Nachbarn hätten reklamiert, wir seien nächste Woche in den Ferien, die Schwiegermutter sei zu Tod erkrankt und meine Frau im achten Monat schwanger.

Abdul streut ein weisses Lachen und freut sich auf das Kind.

Dann sagte ich: Ein Anruf aus dem Konsulat, Abdul, deine Mutter ist gestorben, du musst noch heute in den Senegal. Ich zahlte ihm den Flug.

Abdul schliesst den weissen Mund.

Zwei Wochen später stand Abdul wieder in unserer Tür und strahlt und lacht. Hinter ihm stand seine Mutter.

 

Und schneeweiss lacht es auch aus ihrem Mund.

 

(aus Hinter der Wand)


 

Curro Moreno Campanillas

(Ausschnitt)

 

 Curro Moreno Campanillas wohnt im Vorort Santa M., hat Frau und zwei Kinder, arbeitet gelegentlich und sucht Arbeit dann und wann. Und Curro verspielt sein spärliches Geld am liebsten am Geldautomaten der Bar La Granja, trinkt einen Carajillo, ein paar Wermuts zuviel, raucht dazu einen Puro, spuckt auf den Boden und flucht, dass Gott erbarm'. Einer der geringfügigsten Defekte von Curro ist, dass er nicht existiert. Aber das fällt nicht ins Gewicht, findet Curro, eine Bagatelle, um die er sich nicht im geringsten kümmert. Was ist schon Existenz angesichts all der Dinge, die man Tag für Tag zu erledigen hat. Er steht auf jeden Tag, wäscht sich sein Gesicht, spuckt in den Spültrog, nimmt seinen Koffer, tritt auf die Strasse und beginnt seine Runde.

Leute wie Curro tauchen plötzlich neben uns auf, sie scheinen auf gleicher Höhe zu gehen, aber dann kommen sie uns immer näher, schneiden uns diagonal den Weg und drängen uns vom Kurs. Und wir sehen uns um und werden uns gewahr: Wir gehen nicht auf einer Strasse, sondern wir treiben in einem Fluss.

Die Rambla mündet ins Meer und hat Gezeiten. An einigen Stellen öffnet sie sich zu einem Strom. Zu gewissen Zeiten strömen wir abwärts zum Meer, zu andern Zeiten schwappen wir zurück ins Land. Es gibt immer die, die im falschen Moment in die falsche Richtung gehen und gegen die Strömung kämpfen. Dann gibt es jene, die die Rambla im Neunziggradwinkel durchkreuzen. Sie überqueren sie auf dem kürzesten Weg, weil sie auf der andern Seite etwas Wichtiges zu erledigen haben. Sie stören nicht, denn sie unterbrechen kaum den Fluss der Dinge. Und dann gibt es die Touristen. Sie stören den natürlichen Strom der Gezeiten. Zu Hunderten bleiben sie immer wieder stehen, am falschen Ort, zur falschen Zeit: vor einem lebenden Standbild, vor einem Strassenkünstler, vor einem Kiosk, vor einem Bettler, vor einem Stadtplan. Ich gehe in sicherem Abstand an ihnen vorbei, denn ihre Bewegungen sind unkontrollierbar.

 

Aber am meisten bedrängen uns Leute wie Curro. Curro kommt nämlich immer in der Diagonale. Er gehört zu den verlorenen Fällen, jenen ohne erkennbares Ziel. Sie strömen nicht mit den andern, auch nicht gegen sie, noch durchqueren sie den Strom auf dem schnellsten Weg. Die Diagonale ist die unmöglichste aller Gehrichtungen. Man bewegt sich mit niemandem und gegen niemanden. 

(...)

 

(aus Hinter der Wand)

 


Das Kondom

 

Als Antonio die erbeutete Brieftasche öffnet, fin­det er 25 Duros und drei Kondome. Leuchthäubchen, Rotes Teufelchen, mit Scho­ko­ladeüberzug steht auf den Verpackungs­hüllen. Er wirft die leere Brieftasche in den nächsten Papierkorb und spuckt auf den Boden. Mierda, das reicht nicht mal für zwei Bier. Er steckt sich die Münzen in die Hosentasche und betrach­tet den Rest der Beute. Produkt aus hochwertigem Latex. Druckgeprüft. Reservoir: Teufelchen mit Gummihörnern. Bitte das umlaufende Rollband ganz entrollen, steht auf einem der Päck­chen. Verdammt, was mach ich nur mit diesem Scheiss! Er will die drei Kondome der Brieftasche hinterher­werfen, be­sinnt sich anders und steckt sie dem vorbeihastenden Curro in den Arbeitskit­tel. Curro merkt nichts, denn Curro hat es eilig. Er ist wieder einmal zu spät unter­wegs. Er hatte seine Mappe zu Hause vergessen und musste noch einmal umkehren.

            Am Abend ist bei Curro zu Hause der Teufel los. Curros Frau hat in seinem Kittel drei Präservative gefunden, dabei machen sie's doch ohne, wenn überhaupt.

Du gehst zu einer andern, schreit seine Frau und wirft die drei Präservative demonstrativ auf den Tisch.

Ich weiss wirklich nicht ... ! Auf Curros Unschuldsbeteuerungen flie­gen Teller und Tassen durch die Luft. 

            Während die Eltern in der Küche streiten, finden die Zwil­linge Ale­jandro und Juan Miguel auf dem Tisch im Wohnzimmer drei einge­packte Bal­lone. Sie blasen einen auf, lachen über das sich auf­richtende Teu­felchen und lassen ihn zum Fenster rausfliegen. Den mit dem Leuchthäubchen füllen sie mit Wasser und lassen ihn un­ten auf dem Gehsteig zerplatzen. Den dritten nehmen sie am näch­sten Tag mit in die Schule.

            Was ist dort hinten schon wieder los, ruft der Lehrer, denn wo die beiden Zwillinge sitzen, ist immer was im Gang. Juan Miguel lässt et­was verschwinden.

Aha! Zeig mal her! Da liegt doch in seinem Etui tatsächlich ein Kondom. Das fehlte noch! Der Lehrer lässt das Päckchen in der Hosentasche verschwinden. Die Klasse lacht.

Doch was gibt's da zu lachen?

            Abends sitzt der Lehrer in Pacos Bar und will das Bier bezah­len. Da fällt ihm das Kondom aus der Hosentasche.

Diese Jugend ... ! sagt er zu Paco, zahlt und lässt das Kondom auf dem Tresen liegen.

            Kurz darauf kommt Eduardo verstimmt in die Bar.

Hab ich hier vielleicht meine Brieftasche liegen lassen? Was für ein Scheisstag! Drei Tage habe ich auf den Moment gewartet. Da hab ich sie end­lich so weit, wir ver­abreden uns fürs Kino, und im entscheidenden Moment steh ich da und hab keine Moneten. Brieftasche weg. Da wird sie echt etepetete. Und als wir zum Aussichtspunkt fahren – ich hab meinem Alten für heute die Karre abgeluchst – da hab ich na­tür­lich auch die Präser nicht mit, die ich sonst immer in der Briefta­sche hab, für alle Fälle. Und sie war echt zickig und wollte auf keinen Fall ohne. Schöner Reinfall!

Hier ein kleines Gastgeschenk, sagt Paco, serviert ihm auf einem Teller ein kleines Päckchen und grinst.

            Als Eduardo die Bar verlässt, haut ihn ein Typ an. Ist er dem nicht schon mal begegnet?

Gib mir 20 Duros für ein Bier, krächzt An­tonio.

Bin selbst am Arsch, sagt Eduardo, aber vielleicht kannst du damit was anfangen. Er drückt Antonio im Vorbeigehen das ein­ge­packte Schokoladenkondom in die Hand. Was soll ich mit dem Scheiss, ich will ein Bier, ruft Antonio in die Nacht hinaus und wirft das Päck­chen auf die Fahrbahn. Zwanzig Sekunden später wird es von ei­nem Ford Escort zerquetscht und nach weiteren 3 Minuten von ei­nem Linienbus in den warmen Teer gewalzt.

            Dort, mitten zwischen zwei Zebrastreifen vor meiner Haustür, liegt es heute noch, das Kondom samt den Re­sten des Päckchens mit der ausgetretenen Aufschrift, für Monate konserviert. Und jedes­mal, wenn ich darübertrete, denke ich mir eine andere Geschichte aus.

 

aus Talgo Pendular

 

 

 


Chef

(Ausschnitt)

 

Kaufen, verrkaufen, Zeit ist Geld, kaufen, verrkaufen ... kräht Chef und fliegt an der Fensterfront vorbei. Er hat bessere Zeiten erlebt, das arme Tier. Ich lege ihm eine Hand voll Körner auf das Fen­stersims. Dort, wo er ge­thront hat, auf dem abgenagten Ast in seinem goldfarbenen Käfig gleich neben dem Arbeitstisch des damaligen Di­rektors, steht jetzt eine Kaffeemaschine. Früher war Chef die soziale Dreh­scheibe unseres Büros, und viele sahen in ihm mehr als das: Köbi Kern nannte ihn "die graue Eminenz".

Jeden Morgen, wenn unser früherer Chef ins Büro kam, grüsste und fütterte er zuerst den grünen Amazonas-Papagei, den er von uns zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum erhalten hatte. Der Chef, der Chef! mahnte Chef und schlug nervös mit seinen Flügeln, be­reits wenn der Chef vor der Tür stand. (Ein Freundschaftsdienst, für den ich mich heute noch mit den feinsten gerösteten Sonnenblu­men­kernen revanchiere.) So hat sich Chef sei­nen Namen selber gege­ben, auch wenn sich Susi Gehrig, unsere Speziali­stin für den Süd­osta­sienmarkt, gelegentlich als Taufpatin auf­spielt. Wenn der Chef mit Chef etwas geplaudert und sich selbst und Chef in Schwung ge­bracht hatte, versammelte er seine Mitarbei­ter, um Anweisungen und Auf­träge zu geben und die Arbeit zu orga­nisieren. Und jeden Morgen ge­schah dasselbe. Die kurz gehaltenen Befehle des Chefs wurden von Chef wiederholt - zu Beginn allerdings nicht immer ganz wortgetreu:

"Anna, mach bitte Kaffee, heute einen ganzen Liter, ich erwarte Be­such."

Eine ganse Literr, warrte Besuu! echote Chef.

Das erste Mal, als Chef die Anweisungen des Chefs wiederholte, bra­chen wir in schallendes Gelächter aus. Aber bald hatten wir uns daran gewöhnt und fanden nichts Besonderes mehr daran.

"Toni, vergiss nicht die vierprozentige Beteiligung an der Telecom Ita­lia abzustossen."

Teletom Italia abdustosse, akzentuierte Chef.

"Hightech-Sparte ausgliedern und im März an die Börse bringen!"

Berrse brringe, Berrse brringe, rekapitulierte Chef.

"Alexander, das Paket der BRM-Stammaktien heute unbedingt kau­fen und, falls es zur Übernahme kommt, morgen abstossen."

Aleanderr gaufen, abdosen, Uberrame gaufen, Aleanderr abdosen ...

Bei solchen Sätzen war Chef in den ersten Monaten grammatisch überfordert. Er pickte dann ein paar Wörter oder Satzfetzen heraus, brachte sie durcheinander und begann, in einer Art Verzweiflungs- oder Protestakt, sie zu repetieren – wie ein Grammophon mit einem Sprung in der Platte – crescendierte, bis seine Stimme in ein heiseres Gekreisch überschlug, und schloss dann, wenn er sich beru­higt hatte, mit seiner Lieblingssentenz ab:

Gaufen, verraufen, Seit is Gel.

Von meinem Arbeitsplatz aus konnte ich Chef stundenlang be­obachten. Wenn ich ein langweiliges Telefonat ausstehen oder bei­läufige Schreibarbeit am Computer erledigen musste, ruhte mein Blick wie von selbst auf ihm. Aber nicht nur ich hatte Zeit zu observie­ren, Chef hatte dafür bedeutend mehr: Er thronte stolz vor uns in seinem Käfig und schien unsere Arbeit zu überwachen.

Der Käfig stand meistens offen, aber Chef schien es zu Hause auf sei­nem abgenagten Ast besser zu behagen als in der unüber­sichtlichen und rätselhaften Welt, die ihn umgab. Er krallte sich an seinem Ast fest und verliess den sicheren Ausguck etwa alle zwei Stunden, um einen Stock tiefer ein paar Körner aus einem Futternapf zu picken; darauf kletterte er wieder zurück auf seinen Ast, streckte seine stei­fen Flügel, machte ein paar leere Schläge und zog seine Schwingen wieder an seinem Körper fest. Dann das ausgiebige Putzri­tual: Mit seinem Schnabel fuhr er in sein Gefieder, putzte und zupfte die Fe­dern einzeln und drehte und verdrehte dabei seinen Hals, bis man nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Er plusterte sein gezupftes Ge­fieder, schüttelte es durch und sass plötzlich, wie von Zauberhand gekämmt, auf seinem Ast – so als käme er eben vom Friseur. Zum Abschluss warf sich Chef in die Brust, plu­sterte den Hals, streckte seinen Kopf in die Höhe, drehte ihn um 180° und ver­barg ihn rück­lings zwischen seinen Fittichen. Dann kniff er seine weissbe­brillten Äuglein zu­sammen und sank in ein Schlum­merstünd­chen.

Ob Chef wirklich je schlief oder nur so tat, darüber waren wir uns nie einig. "Der schaltet nur auf Standby", meinte Köbi Kern. Tat­sache ist: Chef blinzelte. Seinem scharfen Weitwinkelblick entging keine Bewe­gung im Raum. Seinen Kopf tauchte er nur bis knapp zu den Augen ins Gefieder, und aus den grünen Federn schimmerten hinter halb zugekniffenen Äuglein immer seine wachen Pupillen. Die zwei schwarzen Punkte verschwanden nur, so schien es uns, um hin­ter vorge­schütztem Augenkneifen besser beobachten zu können. Bei der klein­sten verdächtigen Bewegung oder beim geringsten verdäch­tigen Ge­räusch vergrösserten sich die Punkte, tauchten aus dem Ge­fieder auf und trafen uns als Ertappte. Chefs Pupillen entging nichts. Läutete das Telefon, schienen sie zu kontrol­lieren, ob es je­mand ab­nahm; verliess jemand seinen Platz um aufs Klo zu gehen, verfolgten sie ihn bis zur Tür, und manchmal erhob sich der Schna­bel plötzlich aus dem Gefie­der und kreischte:

 

Gaufen, verrgaufen, Seit ist Geld!

(...)

(aus Talgo Pendular)